ich bin Marco, 38, und ich bin der Typ, der dieses Forum hier aufgebaut hat. Nicht weil ich schon immer ein Forum betreiben wollte. Sondern weil mir vor anderthalb Jahren etwas passiert ist, das mich bis heute nicht loslaesst.

Kurz zu mir: Ich war 8 Jahre Projektleiter bei einem Automobilzulieferer in Stuttgart. Guter Job, gutes Gehalt, dachte ich mach das bis zur Rente. Dann wurde unser Standort verlagert. Betriebsbedingte Kuendigung. Von heute auf morgen.

Okay, dachte ich. Passiert. Bin ja qualifiziert. Melde mich sofort arbeitsuchend, schreibe Bewerbungen, mache alles was man soll. Und dann hab ich eine Idee: Ich beantrage eine Umschulung zum Fachinformatiker. IT boomt, ich hab Grundkenntnisse, das waere der logische Schritt. Zukunftssicher, gute Chancen.

Mein Sachbearbeiter — nennen wir ihn Herr K. — schaut mich an und sagt: „Herr [Name], Sie sind vermittelbar. Eine Umschulung ist nicht erforderlich.“

Vermittelbar. Mit Mitte 30 im Automobilsektor, der gerade massiv abbaut. Okay.

Stattdessen bekomme ich ein Bewerbungscoaching bewilligt. Kostenpunkt: 4.800 Euro. Bei einem Traeger, der bei Google 1,8 Sterne hat. EINS KOMMA ACHT. Ich hab Restaurants mit besserer Bewertung gesehen, die trotzdem pleite gegangen sind.

Das Coaching bestand daraus, dass eine gelangweilte Trainerin uns erklaert hat, wie man ein Anschreiben formatiert. Drei Wochen lang. Ich sass da mit meinem Ingenieurstitel und hab mir erklaeren lassen, wo das Datum hinkommt.

Aber das eigentlich Kranke habe ich erst spaeter verstanden. Durch Zufall, durch Recherche, durch Gespraeche mit Leuten die das System kennen:

Meine Umschulung haette das Jahresbudget von Herrn K. belastet. Das Bewerbungscoaching kam aus einem anderen Topf — dem Massnahmen-Budget. Fuer Herrn K. war das quasi kostenlos.

Es ging nie um meine Zukunft. Es ging um eine Zahl in einer Excel-Tabelle.

Als ich das begriffen habe, konnte ich drei Naechte nicht schlafen. Nicht vor Wut. Sondern weil mir klar wurde: Das ist kein Einzelfall. Das ist kein Fehler im System. Das IST das System.

Jeder Sachbearbeiter hat ein Budget. Und jeder Sachbearbeiter hat den Druck, dieses Budget nicht zu ueberziehen. Was bedeutet das in der Praxis? Dass die Massnahme, die DIR am meisten bringt, nicht unbedingt die ist, die DU bekommst. Du bekommst die, die in die Tabelle passt.

Ich hab dann angefangen zu recherchieren. Hab mit anderen Betroffenen gesprochen. Und was ich gehoert habe, hat mich fertig gemacht:

Und ueberall das gleiche Muster: Die, die sich nicht wehren, zahlen drauf. Die, die das System kennen, kommen durch.

Deshalb gibt es jetzt dieses Forum.

Nicht als Meckerecke. Nicht um einfach nur Dampf abzulassen (obwohl das auch okay ist). Sondern um Wissen zu buendeln. Um Erfahrungen zu teilen. Um dafuer zu sorgen, dass niemand mehr unvorbereitet in ein Gespraech mit dem Sachbearbeiter geht.

Gemeinsam sind wir nicht hilflos.

Wenn du einen Bescheid bekommen hast, der dir komisch vorkommt — frag hier. Wenn du einen Widerspruch geschrieben hast, der Erfolg hatte — teil ihn. Wenn du weisst, wie das System funktioniert — erklaer es.

Jeder von uns hat ein Puzzleteil. Zusammen haben wir das ganze Bild.

Ich bin kein Anwalt. Ich bin kein Sozialberater. Ich bin ein Typ, der dachte, das Amt will mir helfen — und dann gemerkt hat, dass das Amt mich verwaltet. Und der jetzt dafuer sorgen will, dass wir uns gegenseitig helfen.

Willkommen. Schoen, dass ihr da seid. ✊

Marco


PS: Ja, ich weiss, dass das Forum noch frisch ist. Ja, es wird am Anfang ruhig sein. Aber jede Community faengt bei Null an. Und jeder einzelne Beitrag, jede geteilte Erfahrung macht diesen Ort wertvoller. Also: nicht schuechtern sein. Rein da.

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